Debatte über den Run-off

Debatte über den Run-off
© IHK Mittlerer Niederrhein

Stand: 04.10.2019

Die einen befürchten dadurch einen massiven Vertrauensverlust bei den Kunden, die anderen sehen darin eine Möglichkeit, Kundenbestände kostengünstiger zu verwalten: Der sogenannte Run-Off in der Lebensversicherung – kaum ein Thema wird in der Versicherungsbranche kontroverser diskutiert. Als „Run-Off“ wird der Verkauf von Teilbeständen oder ganzer Lebensversicherungsunternehmen durch Versicherer bezeichnet. Der abgebende Versicherer bleibt in der Regel im Lebensversicherungsmarkt aktiv – als reiner Vermittler oder auch als Produktgeber über andere Konzerngesellschaften. Das Thema im Hugo Junkers Hangar in Mönchengladbach war gut gewählt. Rund 150 Versicherungsvermittler waren der Einladung der IHK Mittlerer Niederrhein, der Niederrheinischen IHK Duisburg, Wesel Kleve zu Duisburg und dem Bundesverband Deutscher Versicherungskaufleute (BVK) Bezirksverband Mittlerer Niederrhein gefolgt und zum 4. Versicherungsvermittlertags Niederrhein in den Hugo Junkers Hangar gekommen.

„Die Versicherungsbranche muss seit Jahren immer wieder neue Herausforderungen meistern“, sagte Jürgen Steinmetz, Hauptgeschäftsführer der IHK Mittlerer Niederrhein, zur Begrüßung. „Sei es neue Konkurrenz durch digitale Vertriebswege und immer wieder neue Regelungen und verschärfte Beratungs- und Dokumentationspflichten.“ Steinmetz sicherte den Unternehmern zu, dass die IHK-Organisation sich auf allen politischen Ebenen gegen mehr Regulierung und Bürokratie einsetze. Gregor Correnz, Vorsitzender des Verbands Mittlerer Niederrhein im BVK, begrüßte das Engagement und führte zum Thema des Tages hin: „Das Thema brennt vielen auf den Nägeln, vielleicht bedeutet der Run-Off in der Lebensversicherung einen Paradigmenwechsel in der Branche – das wird sich zeigen.“

Zum Einstieg in das Thema gab Prof. Dr. Jürgen Strobel vom Institut für Versicherungswesen an der TH Köln eine wissenschaftliche Bewertung des Themas. „Von den Befürwortern werden unter anderem Kostenvorteile für die Kunden, kostengünstige Verwaltung der Bestände durch modernere IT und der Wegfall der Belastung durch Abschlusskosten ins Feld geführt“, sagte Strobel. „Die Kritiker bezweifeln die Wirksamkeit der Einspareffekte und Vorteile und befürchten einen Vertrauens- und Reputationsverlust für die ganze Lebensversicherungsbranche.“ Diese Befürchtung teilte auch Rita Reichard. Die Versicherungsreferentin der Verbraucherzentrale NRW erinnerte an einen Grundsatz im BGB, demzufolge der Austausch eines Schuldners nicht ohne die Zustimmung des Gläubigers möglich sein sollte. „Der Run-Off ist das Ende des Versichertenkollektivs“, so Reichard. „Hat der Versicherte das unterschrieben? Nein.“

Unter dem Titel „Externes Bestandsmanagement: Handlungsoption für die Branche – Vorteile für die Versicherten“ verteidigte Markus Eschbach, Vorstand der Viridium Gruppe, das Run-Off-Geschäftsmodell seines Unternehmens. Die Viridium Gruppe hatte in diesem Jahr für mehr als 3,5 Millionen Verträge eines großen Lebensversicherers die Verantwortung übernommen und verwaltet betreut inzwischen 4,6 Millionen Verträge insgesamt. „Es sind viele Mythen im Umlauf“, so Eschbach. „Wir setzen auf Transparenz.“ Durch eine effizientere IT-Verwaltung der Bestände könnten deutliche Kostenvorteile generiert werden. Davon profitierten die Vertriebspartner und letztlich auch die Kunden. „Wir haben die Prüfung durch die Bafin viermal erfolgreich durchlaufen. Und unsere Zahlen belegen, dass die Versicherten profitieren“, sagte Eschbach, der die Debatte um Vertrauensverlust für überzogen hält: „Nach der Übernahme haben wir keine nennenswerten Kundenreaktionen registriert.“

Andreas Vollmer, hielt dagegen: „Vertrauen ist der Dreh- und Angelpunkt beim Thema Lebensversicherung“, sagte der Vizepräsident des Bundesverbands Deutscher Versicherungskaufleute. „Beim Vertragsabschluss gehen Kunden davon aus, dass sie lebenslang Beratung und Service ihrer Versicherung in Anspruch nehmen können.“ Vor diesem Hintergrund führe ein Run-Off zwangsläufig zu einem Verlust des Kundenvertrauens gegenüber dem Versicherungsunternehmen und der Branche insgesamt. „Unser Verband wird das Verhalten von Versicherungsunternehmen und Run-Off-Plattformen im Umgang mit den Kunden genau beobachten,“ versprach Vollmer. „Notfalls werden wir uns an den Gesetzgeber wenden, wenn wir den Eindruck haben, dass die Rechte der Kunden verletzt werden.“

Bildtext: Sie diskutierten das Thema „Run-Off in der Lebensversicherung“ beim 4. Versicherungsvermittlertag Niederrhein (v.l.): Moderator Dr. Marc Surminski (Chefredakteur Zeitschrift für Versicherungswesen), Dr. Gerrit Böhm (Vorstand Volkswohl Bund Versicherungen), IHK-Hauptgeschäftsführer Jürgen Steinmetz, Gregor Correnz (Vorsitzender BVK BM Mittlerer Niederrhein), Rita Reichard (Versicherungsreferentin Verbraucherzentrale NRW), Markus Eschbach (Vorstand Viridium Gruppe) und Prof. Dr. Jürgen Strobel (Institut für Versicherungswesen an der TH Köln).         Foto: IHK