IHK stellt Analyse vor

IHK stellt Analyse vor
© IHK Mittlerer Niederrhein

Stand: 22.11.2019

Eine niedrige Arbeitslosigkeit, aber eine unterdurchschnittliche Beschäftigungsentwicklung, eine hohe Kaufkraft, aber eine geringe Zentralitätskennziffer, und Unternehmen, die insgesamt mit dem Wirtschaftsstandort Dormagen zufrieden sind, aber gleichzeitig auch ein größeres Potenzial sehen: Das sind wesentliche Erkenntnisse einer Analyse des Wirtschaftsstandorts Dormagen, die die Industrie- und Handelskammer (IHK) Mittlerer Niederrhein vorgestellt hat. Herzstück der Analyse ist eine breit angelegte Unternehmensumfrage. „Man sollte keine Angst vor Umfragen haben“, erklärte Bürgermeister Erik Lierenfeld bei seiner Begrüßung. „Schließlich wollen wir wissen, wo den Unternehmen der Schuh drückt.“

Dormagen ist ein Industriestandort. Das verdeutlichen die Daten aus der amtlichen Statistik. 28 Prozent der Beschäftigten arbeiten im verarbeitenden Gewerbe. In NRW (20 Prozent) und im Rhein-Kreis Neuss (19 Prozent) liegt der entsprechende Wert teils deutlich darunter. Jeder vierte abhängig Beschäftigte in Dormagen geht einer Tätigkeit in einem Chemieunternehmen nach – ein Wert 16-mal so hoch wie im NRW-Landesvergleich. Auch die distributiven Dienste (Handel, Verkehr und Gastgewerbe) sind in Dormagen mit 26 Prozent im Vergleich zum Land (23 Prozent) überdurchschnittlich stark vertreten. „Die Dienstleistungsbranchen, die nicht den distributiven Diensten zuzurechnen sind, liegen mit einem Beschäftigtenanteil von 33 Prozent in Dormagen dagegen deutlich unter dem NRW-Schnitt von 50 Prozent“, erklärte Gregor Werkle, Leiter des IHK-Bereichs Wirtschaftspolitik.

Ein weiterer wichtiger Baustein der IHK-Analyse ist ein interkommunaler Standortvergleich. Vergleicht man Dormagen mit NRW-Kommunen ähnlicher Größe, dann wird deutlich, dass der Standort insgesamt gesund ist, der eine oder andere Indikator jedoch auch kritische Entwicklungen zeigt, etwa die Beschäftigungsentwicklung, die Gewerbesteuereinnahmekraft und die Einzelhandelszentralität.
Die Resultate aus der Umfrage bei den Dormagener Unternehmen wurden mit den Ergebnissen einer Umfrage aus dem Jahr 2012 und den Werten anderer IHK-Umfragen verglichen. „Die Dormagener Unternehmen geben dem Standort auf einer Schulnotenskala die Durchschnittsnote 2,48“, sagte IHK-Hauptgeschäftsführer Jürgen Steinmetz. Damit erhält die Stadt eine ähnliche Bewertung wie die in den vergangenen Jahren analysierten Standorte im Durchschnitt (2,49).

Eine wesentliche Stärke Dormagens ist die gute Verkehrsanbindung und die Nähe zu den Flughäfen Düsseldorf und Köln. Auch der Zustand des innerstädtischen Straßennetzes wird eher positiv bewertet. „Die unmittelbare Lage an der Autobahn 57 ist ein echter Standortvorteil“, berichtete Steinmetz. „Diese Stärke muss man ausbauen. Deswegen setzen wir uns dafür ein, dass die Anschlussstelle Delrath realisiert wird. Für 58 Prozent der Unternehmen wäre dies eine wichtige oder sehr wichtige Maßnahme.“

Weiteres Ergebnis der Befragung: Das Kostenbewusstsein der Verwaltung, behördliche Reaktionszeiten und die reibungslose Kooperation öffentlicher Ämter werden in Dormagen besser beurteilt als in anderen Kommunen, die die IHK untersucht hat. Ein Votum, das insbesondere Bürgermeister Erik Lierenfeld freut: „Damit Rahmenbedingungen geschaffen werden können, die attraktiv und wettbewerbsfähig sind, muss Verwaltung ermöglichen und nicht verhindern – ich denke unser Abschneiden bei der IHK-Standortanalyse zeigt, dass wir das in Dormagen verstanden haben.“

Wichtigster Standortfaktor für die Dormagener Unternehmen ist die Informations- und Kommunikationsinfrastruktur. Trotz intensiver Bemühungen der öffentlichen Hand wird er nur mit der Schulnote 3,49 bewertet. „Das geht besser“, sagte Steinmetz. „In diesem Bereich sind weitere Anstrengungen erforderlich.“

Auch beim Gewerbesteuerhebesatz sehen die Befragten Handlungsbedarf. Die Unzufriedenheit mit dem Gewerbesteuerhebesatz ist deutlich größer als bei der vorherigen Standortanalyse aus dem Jahr 2012. „Wir haben in NRW die höchsten Gewerbesteuerhebesätze aller Flächenländer. Das ist ein Standortnachteil“, so Steinmetz. Dormagen liege zwar im NRW-Vergleich auf einem wettbewerbsfähigen Niveau, aber vergleichbare Standorte außerhalb NRWs – auch innerhalb von Metropolregionen – hätten im Durchschnitt niedrigere Gewerbesteuerhebesätze.

Im Anschluss an die Vorstellung diskutierten Steinmetz, Lierenfeld sowie die Dormagener Unternehmer und Unternehmensvertretern Lars Friedrich (CURRENTA), Gregor Clausen (CP-Pro Software & Services Clausen KG) und Josef Teupe (Teupe & Söhne Gerüstbau GmbH) über die Stärken, Schwächen und Herausforderungen des Wirtschaftsstandorts.

Lierenfeld griff das Thema Gewerbesteuerhebesätze auf und verwies auf den lebenswerten und familienfreundlichen Charakter der Stadt Dormagen: „Um Dormagen so zu erhalten, sind wir zwingend auf gleichbleibende Gewerbesteuereinnahmen angewiesen. Massive Senkungen der Gewerbesteuerhebesätze in einigen wenigen Städten führen zu einem Wettbewerb, bei dem am Ende alle verlieren, weil in der Fläche kein Geld mehr für Infrastruktur da ist.“ Für ihn sei es nicht verständlich, so Steinmetz, warum eine Landeshauptstadt wie Düsseldorf einen Gewerbehebesteuersatz von 440 Punkten hat und eine kreisangehörige Stadt wie Dormagen einen von 450.

Für Josef Teupe ist die Verkehrsinfrastruktur ein gravierendes Problem: „Der Ausbau der A 57 wird uns alle hier im Bereich Dormagen vor riesige Herausforderungen stellen“, sagte Teupe, der sich vor Jahrzehnten aus verkehrspolitischen Gründen für den Standort Dormagen entschieden hat. „Von der B9 auf die andere Rheinseite zu gelangen, ist tödlich.“ Seiner Meinung nach müsse die Anschlussstelle Delrath fertig sein, bevor der Ausbau der A 57 starte. Bürgermeister Lierenfeld erklärte, dass die zuständige Bezirksregierung einen zeitgleichen Bau plane. „Wenn man bedenkt, dass die Anschlussstelle Delrath seit 1981 geplant wird, bin ich froh, dass wir jetzt überhaupt so weit sind, dass eine Realisierung bevorsteht.“

Die Ergebnisse der Umfrage zum Thema Informations- und Kommunikationsinfrastruktur bekräftigte Teupe: „Ich hätte nie gedacht, dass ich in meinem eigenen Büro keinen Handyempfang habe“, sagte er. Und für einen leistungsfähigen IT-Anschluss habe sein Unternehmen selbst sorgen müssen. „Das ist ein Unding. Nachdem die Bundesregierung ihre Mobilfunkstrategie vorgestellt hat, sollten sie vielleicht in Berlin einmal anklopfen, damit etwas für Dormagen getan wird.“

Gregor Clausen sieht vor dem Hintergrund des Fachkräftemangels vor allem das Problem, dass es zu wenig Wohnraum gibt. „Ich habe Mitarbeiter aus Duisburg und Gelsenkirchen, die händeringend in Dormagen eine Wohnung suchen“, sagte er. Lierenfeld verwies auf den Flächennutzungsplan, den die Verwaltung derzeit erarbeite. „In ihm legen wir unter anderem künftige Wohngebiete fest.“ In diesem Zusammenhang sprach Friedrich ein Thema an, das den Chempark beschäftigt: „Wohngebiete, die zu nah am Chempark liegen, gefährden diesen Standort. Wir wollen hierbleiben, brauchen dafür aber Planungssicherheit. Der Stadt muss es gelingen, die Industrie hier zu behalten und gleichzeitig den Wohnungsbau voranzutreiben.“

Deutlicher wurde der IHK-Hauptgeschäftsführer: „Wie wichtig die Industrie für Dormagen ist, haben wir eben bei der Vorstellung der Standortanalyse erfahren. Deshalb ist die Stadt gut beraten, die Gewerbe- und Industriebetriebe vor heranrückender Wohnbebauung zu schützen und so Konflikte zu vermeiden.“ Lierenfeld versicherte, dass man den Flächennutzungsplan in Abstimmung mit der Industrie und den Bürgern erarbeite.

Die Standortanalyse steht im Internet als Download-Datei zur Verfügung:
www.mittlerer-niederrhein.ihk.de/1406

Bildunterschrift:
Diskutierten über den Wirtschaftsstandort Dormagen (v.l.): Lars Friedrich (CURRENTA), Bürgermeister Erik Lierenfeld, Moderatorin Beate Kowollik, Gregor Clausen (CP-Pro Software & Services Clausen KG), IHK-Hauptgeschäftsführer Jürgen Steinmetz und Josef Teupe (Teupe & Söhne Gerüstbau GmbH).                        Foto: IHK