Unternehmen schätzen den Binnenmarkt und offene Grenzen

Unternehmen schätzen den Binnenmarkt und offene Grenzen
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Stand: 02.05.2019

In Europa ist der Nationalismus auf dem Vormarsch, bei der Frage nach der weiteren Integration ist die EU tief gespalten, und Großbritannien ist dabei, sich aus dem Staatenbund zu verabschieden – die Europäische Union steht vor großen Herausforderungen. Gleichzeitig hat das europäische Integrationsprojekt maßgeblich zu Frieden, Freiheit und Wohlstand auf dem Kontinent beigetragen. Vor der Europawahl am 26. Mai hat die Industrie- und Handelskammer (IHK) Mittlerer Niederrhein ihre Mitgliedsunternehmen befragt: Wie beurteilen die Unternehmen am Niederrhein die Bedeutung der EU? Welche Rolle spielt der Binnenmarkt für ihr Geschäft? Wie beurteilen sie die Regulierungen durch die EU? Mehr als 400 Betrieben aus der Region, davon 100 aus Krefeld, haben sich daran beteiligt. Die Ergebnisse hat die IHK unter dem Titel „Der Mittlere Niederrhein und Europa“ veröffentlicht.

„Unsere Analyse zeigt, dass die europäische Integration für die Wirtschaft in der Region insgesamt und die Betriebe vor Ort in Krefeld, Mönchengladbach, im Rhein-Kreis Neuss und im Kreis Viersen von großer Bedeutung ist“, sagt IHK-Hauptgeschäftsführer Jürgen Steinmetz. Für die Unternehmen bedeutet insbesondere der Binnenmarkt – der freie Verkehr von Waren, Dienstleistungen, Kapital und Personen –einen Vorteil oder einen großen Vorteil für den eigenen Betrieb. Dies sehen 52 Prozent der Betriebe in Krefeld so. Lediglich für drei Prozent ist der Binnenmarkt ein Nachteil. „Die Unternehmen schätzen die Vorzüge des Binnenmarkts“, so Jürgen Steinmetz. „Er ist für den Wohlstand unserer Region von großer Bedeutung.“ Dass der Binnenmarkt reibungslos funktioniert, ist von offenen Grenzen abhängig. Im Zuge der verstärkten Flüchtlingszuwanderung in den vergangenen Jahren wurden auch immer wieder Rufe nach intensiveren innereuropäischen Grenzkontrollen laut. „Mehr Grenzkontrollen innerhalb Europas würden den Unternehmen schaden“, so Steinmetz. Dies sehen 39 Prozent der Betriebe in Krefeld so. Keins der befragten Unternehmen erwartet positive oder sehr positive Effekte durch mehr Grenzkontrollen.

„Grenzkontrollen wären auch deshalb Gift für die Außenwirtschaft, weil ein großer Teil des Umsatzes in unserer Region mit Kunden aus dem EU-Ausland generiert wird“, erläutert der IHK-Hauptgeschäftsführer. Bei den Industriebetrieben am Mittleren Niederrhein machen nur 12 Prozent keinen Umsatz mit Kunden aus dem EU-Ausland, 50 Prozent von ihnen erwirtschaften bis zu 25 Prozent ihres Umsatzes im EU-Binnenmarkt. Bei knapp 15 Prozent der Industrieunternehmen wird sogar mehr als jeder zweite Euro im EU-Ausland verdient. Auch beim Umsatz der Großhändler spielt das EU-Ausland eine wichtige Rolle. Nur rund 21 Prozent von ihnen exportieren nicht ins EU-Ausland, immerhin jeder Dritte macht mehr als 25 Prozent seines Umsatzes im innereuropäischen Binnenmarkt (außerhalb Deutschlands).

„Und das Gute liegt dabei so nah“, ergänzt Jürgen Steinmetz. Denn für die niederrheinische Wirtschaft sind vor allem die angrenzenden Benelux-Länder wichtig. 44 Prozent der Betriebe gaben an, dass diese Staaten für sie der bedeutendste europäische Markt sind. Bei den exportorientierten
Dienstleistern lag dieser Wert sogar bei 51 Prozent. Mit deutlichem Abstand werden von den Unternehmen Osteuropa (13 Prozent), Frankreich (10 Prozent) und Südeuropa (9 Prozent) als bedeutendster Exportmarkt innerhalb der EU benannt.

Doch nicht nur für den Export, sondern auch als Ziel von Auslandsinvestitionen ist die Europäische Union für Unternehmen aus der Region von großer Bedeutung. Unter Berücksichtigung von möglichen Mehrfachnennungen gehörten für 72 Prozent der Betriebe die Eurozone zu den bedeutendsten Zielen, für 16 Prozent sind die weiteren EU-Länder. Allerdings sieht ein Viertel der Unternehmen mit Auslandsinvestitionen in den innereuropäischen Spannungen ein Investitionshemmnis. „Uneinigkeit und Spaltung sorgen für Unsicherheit, und Unsicherheit sorgt eher für Investitionszurückhaltung“, so Steinmetz. In der Industrie bremsen die innereuropäischen Spannungen die Investitionen besonders deutlich. Ein Drittel der auslandsaktiven Industriebetriebe sieht in den innereuropäischen Spannungen einen Grund dafür, seine Investitionen nicht weiter auszuweiten.

Zwar schätzen die Unternehmen am Niederrhein die Vorteile der Europäischen Union, gleichzeitig kritisieren sie allerdings auch die Brüsseler Bürokratie: Knapp 80 Prozent der Befragten empfinden die Regulierungsdichte in der EU als zu hoch oder viel zu hoch. „Der Bürokratieabbau gehört zu den wichtigsten Forderungen, die die IHK-Organisation in ihren Europapolitischen Positionen formuliert hat“, betont Steinmetz. „Darüber werden wir mit unseren regionalen Abgeordneten nach der Europawahl im Mai intensiv sprechen.“ Der Europäischen Union sollte es gelingen, dass die positiven Effekte der EU nicht von Bürokratiedebatten – etwa über die Krümmung von Gurken – überschattet werden, appelliert der IHK-Hauptgeschäftsführer.

Die Analyse „Der Mittlere Niederrhein und Europa“ steht im Internet als Download-Datei zur Verfügung: www.mittlerer-niederrhein.ihk.de/20464