IHK legt Standortanalyse Rheinisches Revier vor

IHK legt Standortanalyse Rheinisches Revier vor
© IHK Mittlerer Niederrhein

Stand: 23.11.2020

Der Strukturwandel im Rheinischen Revier ist für die Kommunen Grevenbroich, Jüchen und Rommerskirchen Herausforderung und Chance zugleich. Wie gut sind sie auf den anstehenden Transformationsprozess vorbereitet? Diese Frage steht im Zentrum einer Standortanalyse der Industrie- und Handelskammer (IHK) Mittlerer Niederrhein für Grevenbroich, Jüchen und Rommerskirchen. „Die Unternehmen bewerten die Standorte als zufriedenstellend – es gibt aber Luft nach oben“, betont Jürgen Steinmetz, Hauptgeschäftsführer der IHK. Durch die Kombination von aktueller Wirtschaftskrise und dem Strukturwandel der kommenden Jahre stehe das Revier nun vor einer Doppelbelastung. „Die Analyse zeigt uns die Stärken und Schwächen des Wirtschaftsstandortes Rheinisches Revier“, so Steinmetz. „Das ist die Grundlage für gezielte Projekte und Maßnahmen, um die Situation der Unternehmen in der derzeit schwierigen Phase zu verbessern.“

Die Herausforderungen der drei Kommunen werden bei einem Blick auf die wirtschaftlichen Strukturen deutlich. 36 Prozent der Beschäftigten arbeiten in der Industrie – in Nordrhein-Westfalen insgesamt sind es nur 27 Prozent. Für den Bereich der Energieversorgung liegen nur Daten für Grevenbroich vor. 8,1 Prozent der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten in Grevenbroich arbeiten in dieser Branche, in NRW sind es nur 0,8 Prozent. „Der Anteil in Grevenbroich ist damit mehr als zehnmal so hoch. Das zeigt die Abhängigkeit von dieser Branche“, so Gregor Werkle, Leiter Wirtschaftspolitik bei der IHK. Die Abhängigkeit des Wirtschaftsstandorts vom Braunkohletagebau verdeutlicht auch eine weitere Zahl: Rund 28 Prozent der Unternehmen in den drei Kommunen gaben an, dass sie für ihr Unternehmen negative Auswirkungen durch den Braunkohleausstieg befürchten. „Das zeigt, dass sich der Strukturwandel nicht nur auf die direkt betroffenen Großunternehmen auswirkt, sondern eben auch auf den hiesigen Mittelstand“, erklärt Werkle.

Auch die Logistikwirtschaft ist in den drei Kommunen insgesamt überdurchschnittlich stark vertreten. Mehr als 2.500 Beschäftigte und damit 8,7 Prozent der Menschen arbeiten in dieser Branche – im Vergleich dazu sind es in Nordrhein-Westfalen 5,5 Prozent. „Diese Branche leidet aktuell darunter, dass Güterverkehr krisenbedingt rückläufig ist“, erläutert Werkle. Weitere stark betroffene Branchen wie der Handel, die Gastronomie und verschiedene Dienstleistungen seien im Rheinischen Revier dagegen eher unterdurchschnittlich vertreten. „Die Wirtschaftsstrukturen deuten also darauf hin, dass das Rheinische Revier von der aktuellen Krise zumindest nicht stärker betroffen sein dürfte als andere Regionen“, erläutert Werkle.

Erfreulich sind die Beschäftigungszuwächse der drei Kommunen in den vergangenen zwei Jahrzehnten. Das Wachstum lag insgesamt bei 25 Prozent. Insbesondere Jüchen (+55 Prozent) und Rommerskirchen (+109 Prozent) konnten die Beschäftigtenzahlen deutlich steigern. Beim Vergleich von verschiedenen regionalwirtschaftlichen Indikatoren mit dem NRW-Schnitt zeigt sich, dass neben der Beschäftigtenentwicklung auch die Arbeitslosenentwicklung bis zum Jahr 2019 im Rheinischen Revier günstiger verlaufen ist. Die Krise der vergangenen Monate hat jedoch wieder zu einem deutlichen Anstieg der Arbeitslosenzahlen geführt. Weitere Indikatoren wie die durchschnittliche Verschuldung, die Steuereinnahmekraft und die Gründungsintensität haben sich in den drei Kommunen ebenfalls gut entwickelt. „Die Ausgangssituation vor dieser Krise war also vergleichsweise gut“, so Werkle. „Das ist angesichts der aktuellen Herausforderungen durch die Wirtschaftskrise und den Strukturwandel überaus wichtig.“

Für IHK-Hauptgeschäftsführer Steinmetz zeigen die Zahlen, dass der Transformationsprozess im Rheinischen Revier auf eine gesunde Wirtschaftsstruktur trifft. Anders als etwa der Strukturwandel der Montanindustrie im Ruhrgebiet, der von globalen Marktentwicklungen getrieben worden war. „Der Wandel im Rheinischen Revier ist politisch gewollt und initiiert“, so Steinmetz. „Wir respektieren diese politische Entscheidung, aber wir müssen jetzt – gemeinsam mit den Akteuren vor Ort und der Politik – diesen Strukturwandel gestalten.“


Damit dies gelingt, bedarf es guter Standortbedingungen vor Ort. Die befragten Unternehmen gaben die durchschnittliche Gesamtnote von 2,69 für die Standortqualität. „Das ist schlechter als der Durchschnitt der Kommunen, die wir in den vergangenen zwei Jahren untersucht haben“, erklärt Steinmetz. Im Mittel geben die Unternehmen ihren Standorten in der Gesamtregion die Note 2,49. Unterschiede zwischen den drei Kommunen gibt es aber auch. „In Rommerskirchen sind die Unternehmen sehr zufrieden, während die Grevenbroicher Betriebe kritischer eingestellt sind.“

In allen fünf von der IHK abgefragten Themenfeldern – Harte Standortfaktoren, Kommunale Kosten und Leistungen, Innenstadtfaktoren, Arbeitsmarktfaktoren, Forschung und Entwicklung beziehungsweise Beratung – sind die Unternehmen in den drei Kommunen des Rheinischen Reviers im Schnitt etwas unzufriedener als der Durchschnitt des Kammerbezirks. „Da gibt es Verbesserungspotenzial“, so Steinmetz. Von den 20 wichtigsten Standortfaktoren werden 14 im Rheinischen Revier schlechter bewertet.

In der Kritik stehen bei den Betrieben insbesondere die kommunalen Kosten. Zwar haben alle drei Kommunen im Vergleich zu den Kommunen im Rhein-Kreis Neuss keinen übermäßig hohen Gewerbesteuerhebesatz, der IHK-Hauptgeschäftsführer gibt aber zu bedenken: „Das Gewerbesteuerhebesatzniveau in der Gesamtregion ist überdurchschnittlich hoch. Das ist eine Hypothek für den gesamten Strukturwandelprozess, bei dem es schließlich darum gehen wird, neue Unternehmen für den Standort zu gewinnen.“ Auch wichtige kommunale Leistungen wie die reibungslose Kooperation öffentlicher Ämter, die behördlichen Reaktionszeiten oder die Bestandspflege örtlicher Betriebe werden von den Unternehmen nur durchschnittlich bewertet. Der IHK-Hauptgeschäftsführer empfiehlt den Kommunalverwaltungen, sich für das RAL-Gütesiegel „Mittelstandsfreundliche Verwaltung“ zertifizieren zu lassen. „Eine wirtschaftsfreundliche Verwaltung erleichtert die Ansiedlung neuer Unternehmen enorm – und das wird bei der Bewältigung des Strukturwandels von entscheidender Bedeutung sein.“
 
Auch die Informations- und Kommunikationsinfrastruktur erhält eine mäßige Bewertung. „Wer neue, innovative Branchen ansiedeln möchte, muss bei der Entwicklung möglicher neuer Gewerbegebiete die Informations- und Kommunikationsinfrastruktur mitdenken. In der aktuellen Krise wird der Bedarf deutlicher denn je“, so Steinmetz.
Der IHK-Hauptgeschäftsführer verweist zudem auf den dezidierten Forderungskatalog der IHK für die drei Kommunen. So fordert die IHK im Rheinischen Revier eine intelligente Flächennutzung, etwa durch die Entwicklung des Industrieparks Elsbachtal, eine Entwicklung im Kraftwerksumfeld Neurath und das interkommunale Gewerbe- und Industriegebiet Jüchen/Dreieck Jackerath.

„Zudem werden wir uns mit den Akteuren aus der Region dafür einsetzen, dass die Verkehrsanbindung verbessert wird. Ich denke da insbesondere an den Bau einer Revierbahn sowie an eine S-Bahn anstelle der bisherigen RB27 zwischen Mönchengladbach und Köln“, so Steinmetz. Damit würde eine attraktive Verbindung im 20-Minuten-Takt geschaffen werden.

Statements der Bürgermeister zu den Ergebnissen der Standortanalyse Rheinisches Revier

Harald Zillikens, Bürgermeister der Stadt Jüchen

„Für die Stadt Jüchen ist der Strukturwandel eine Herausforderung, aber auch eine große Chance. 36 Prozent des Stadtgebietes ist derzeit noch Teil des Braunkohlenabbaugebietes. Sofern das Restloch des Tagebaus Garzweiler I nun schnell verfüllt wird und die Strukturhilfen wie angekündigt fließen, hat die Stadt großes Entwicklungspotenzial.
Die Entwicklung des Interkommunalen Gewerbegebietes Industriepark Elsbachtal wird von den Partnern RWE und den Städten Jüchen und Grevenbroich vorangetrieben. Wir gehen derzeit davon aus, dass eine Bebauung der Flächen nach Abschluss des Bauleitplanverfahrens (circa 2022/23) starten kann, so dass die Inbetriebnahme der Unternehmen voraussichtlich im Jahre 2024/25 stattfinden könnte.

Die Befragung liegt bereits ein knappes Jahr zurück und gibt die Meinung der Unternehmen vor der Corona-Pandemie wieder. Die Städte haben in den letzten Monaten viele Maßnahmen für die Unternehmen ergriffen. Sei es über die Information, die Beratung oder die Stundung von öffentlichen Abgaben und Steuern. Ich bin der Überzeugung, dass die Ergebnisse der Befragung zum aktuellen Zeitpunkt anders ausfallen würden.“

Klaus Krützen, Bürgermeister der Stadt Grevenbroich

„Der Strukturwandel trifft unsere Stadt sehr früh – wird die Stadt aber auch sehr lange begleiten. Grevenbroich hat durch die zentrale Lage zwischen mehreren Großstädten einen enormen Standortvorteil, der im Strukturwandel eine große Chance bietet. Wir sind sowohl als Gewerbe-, wie auch als Wohnstandort sehr attraktiv und verfügen über große Flächenreserven, mit denen wir Wandel gemeinsam mit der örtlichen Wirtschaft gestalten können. Vordringlich und kurzfristig zu entwickeln sind neben dem Industriepark Elsbachtal die gemeinsamen Planungen mit RWE zur künftigen Nutzung des Kraftwerksgeländes in Frimmersdorf.“

Dr. Martin Mertens, Bürgermeister der Gemeinde Rommerskirchen

„Ich freue mich sehr, dass die befragten Unternehmen Rommerskirchen die besten Noten im Rheinischen Revier gegeben haben. Dabei besteht nicht nur eine große Zufriedenheit mit „harten Standortfaktoren“, wie der Verkehrsinfrastruktur, sondern durchweg auch in Bereichen wie etwa Bildungsangeboten, Einkaufsmöglichkeiten, oder der Dauer von Genehmigungsverfahren. Der von der IHK erneut statistisch festgestellte Zuwachs der Beschäftigtenzahlen in den vergangenen Jahren um 105 Prozent belegt deutlich, dass die Wirtschaftsförderung in Rommerskirchen große Erfolge vorweisen kann und bereits Chefsache ist. Wir werden intensiv daran arbeiten, dass diese Erfolge auch die Herausforderungen durch die Corona-Pandemie und den Strukturwandel überstehen und weiter ausgebaut werden können.“