"Dafür gibt es keine Blaupause"

"Dafür gibt es keine Blaupause"
© IHK

Stand: 22.11.2021

Die Webmaschinen der Mönchengladbacher AUNDE Group laufen auf Hochtouren. Die Auftragsbücher des Spezialisten für Automobil-Textil, Autositz-Systeme und Interieur-Komponenten sind gut gefüllt. Dennoch scheint Peter Bolten, Leiter des Bereichs Entwicklung und Vertrieb und Mitglied der Geschäftsführung, nicht restlos glücklich zu sein: „Bei unseren Kunden stockt überall die Produktion, bestellte Ware wird nicht abgeholt, weil bei den Autoherstellern wegen des Mikrochip-Mangels die Bänder stillstehen.“ Was die AUNDE Group derzeit zu spüren bekommt, ist eine Facette der globalen Lieferketten-Krise, die derzeit viele Industriebranchen und die Logistik weltweit umtreibt. Die Mitglieder des Außenhandelsausschusses der Industrie- und Handelskammer (IHK) Mittlerer Niederrhein diskutierten dieses Phänomen, seine Folgen und mögliche Lösungsansätze in ihrer jüngsten Sitzung in den Räumen der AUNDE Group.

„Was wir derzeit erleben, ist noch nie dagewesen“, erklärte Professor Stefan Zeisel von der Hochschule Niederrhein. „Es gibt daher auch keine Blaupause dafür, wie wir damit umgehen können.“ Der Experte für strategisches Beschaffungsmanagement stellte dem Unternehmergremium seine „Marktstudie Logistik 2021 – Auswirkungen von Covid-19 und weitere Disruptionen“ vor. Mehr als 200 Unternehmen hatten sich an der Umfrage beteiligt. 36 Prozent gaben an, dass ihre Supply Chain stark oder sehr stark von den Folgen der Corona-Pandemie betroffen ist. Dazu kommen spezifische Einflüsse in diversen Branchen, etwa der Mikrochip-Mangel im Automotive-Bereich oder das exorbitante Wachstum in der Pharmazie. Die konkreten Folgen bereiten den Verantwortlichen in den Außenhandelsunternehmen derzeit große Sorgen: 62 Prozent der Unternehmen beklagen einen Anstieg der Materialpreise, und 52 Prozent melden gestiegene Logistikkosten. Bei 45 Prozent der Betriebe ist die Verfügbarkeit von Zukaufteilen stark eingeschränkt. Gleichzeitig spüren 49 Prozent der Unternehmen einen starken Anstieg der Nachfrage. Die Folge: 46 Prozent konnten ihre Kunden nicht oder nicht rechtzeitig beliefern. „Dazu kommt der Fachkräftemangel“, erläutert Zeisel. „Wir haben es mit Engpässen in drei Bereichen gleichzeitig zu tun: Material, Logistik und Personal.“

Wann sich die Situation wieder normalisiert, ist derzeit kaum absehbar. „Ich hoffe, dass wir in unserer Branche im zweiten Quartal eine leichte Entspannung erleben“, sagte Norbert Strack, stellvertretender Ausschussvorsitzender und Geschäftsführer des Neusser Druckluft-Spezialisten Beko Technologies. „Kurzfristig wird sich die Lage wohl eher verschärfen.“ Sein Unternehmen ist mit Preissteigerungen von 28 Prozent beim Aluminium, 11 Prozent beim Stahl und 7 Prozent beim Kunststoff konfrontiert. „Zulieferteile wie Trafos, Relais oder Magnetventile sind immer schwieriger zu beschaffen“, so Strack. „Die Lieferung von simplen Artikeln wie Schrauben wird plötzlich gestoppt.“ Beko Technologies unternimmt alles, um die Krise zu meistern: Der Austausch mit den Zulieferern wird intensiviert, Alternativlieferanten werden gesucht und Lagerbestände aufgebaut.

So wie Beko Technologies versuchen derzeit viele Betriebe, die Krise zu managen. „Die simple Methode, in China den Zulieferbedarf zu decken, weil es dort so günstig ist, ist inzwischen auch kein tragfähiges Konzept mehr“, sagte Zeisel. „An der Peripherie Europas gibt es gute und günstige Alternativen – etwa Bosnien-Herzegowina, Nordafrika oder die Ukraine.“ Der Lieferketten-Experte appellierte an die Wirtschaftsvertreter. „Schauen Sie sich alle fünf, sechs Jahre ihre Lieferstrukturen kritisch an, und setzen Sie nicht nur auf einen Lieferanten.“ Eine Möglichkeit, sich flexibler aufzustellen, sei die Vereinbarung von Preiskorrekturen nach oben und nach unten mit den Lieferanten. Auf den persönlichen Kontakt zwischen Lieferanten und Kunden komme es künftig noch mehr denn je an. Zeisel: „Ein faires Miteinander und gute Beziehungen zur Geschäftsführung – nicht nur zum Key-Account-Manager – sorgen dafür, dass man sich in schwierigen Zeiten gegenseitig unterstützt.“

Für Zeisel ist klar, dass Just in Time kein Zukunftsmodell mehr sein kann. „Schaffen Sie systematisch resiliente Lieferketten“, empfahl er den Mitgliedern des Ausschusses zum Abschied: „Dann lässt es sich künftig auch wieder wesentlich besser schlafen.“