„Green Deal – Bedrohung oder Chance?“

„Green Deal – Bedrohung oder Chance?“
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Stand: 01.04.2021

Der European Green Deal ist ein Jahrhundertprojekt, das für kontroverse Debatten sorgt: Bei den einen steht er für die Vision einer europäischen Wirtschaft, die sich zum globalen Vorreiter in Sachen Klimaschutz entwickelt, bei den anderen für eine Bedrohung der heimischen Industrie und ihrer Arbeitsplätze. Um die unterschiedlichen Positionen auszuloten und gemeinsame Perspektiven zu entwickeln, hatte die Industrie- und Handelskammer (IHK) Mittlerer Niederrhein für die IHK-Initiative Rheinland zu einem Online-Talk eingeladen. „European Green Deal: Bedrohung oder Chance für die Unternehmen im Rheinland?“ lautete der Titel.

„Derzeit ist Corona das alles beherrschende Thema“, sagte IHK-Hauptgeschäftsführer Jürgen Steinmetz zur Begrüßung. „Dabei geraten andere wichtige Zukunftsherausforderungen leicht aus dem Blick – wie etwa der Green Deal.“ Steinmetz erinnerte daran, dass die Unternehmen im Rheinland auf besondere Weise von den Brüsseler Plänen betroffen seien. „Viele – und vor allem energieintensive – Unternehmen sind hier zu Hause. Der European Green Deal ist für sie eine enorme Herausforderung.“ Gleichzeitig seien die Unternehmen als Innovatoren ein wichtiger Schlüssel für den Erfolg dieses Transformationsprozesses.

Welche Ziele der Green Deal hat, und wie er umgesetzt werden soll, skizzierte Heiko Kunst von der Generaldirektion Klima der Europäischen Kommission: „Im Jahr 2050 möchte die EU der erste klimaneutrale Staatenverbund der Welt sein. Es geht darum, dass der Klimawandel beherrschbar bleibt. Die ökonomischen Folgen eines unbegrenzten Wandels wären verheerend.“ Die EU-Kommission wird im Laufe des Jahres konkrete Maßnahmen vorlegen. Im Juni sollen zahlreiche Gesetze angepasst werden – viele davon haben unmittelbare Auswirkungen auf die Betriebe. „Der Green Deal ist nicht nur ein Klimaschutz-Programm, sondern auch eine Wachstumsstrategie“, betonte Kunst, der einräumte, dass die Industrie in Europa vor der Herausforderung eines grundlegenden Technologiewandels stehe, um CO2-frei produzieren zu können. „Aber wir haben auch schon große Erfolge erzielt: Die Emissionen im Kraftwerksbereich haben sich in den vergangenen drei Jahren halbiert“, so Kunst. „Der Wandel ist unumgänglich. Andere Wirtschaftsregionen werden diesen Weg auch gehen. Wer seine Wirtschaft jetzt zuerst umstellt und sich anpasst, wird die beste Position auf dem Markt haben.“

„Allerdings müssen die Vorreiter-Regionen ihre industrielle Wertschöpfung zunächst durch wirksame Carbon-Leakage-Instrumente schützen, denn lokale Extra-Kosten des Klimaschutzes werden auf internationalen Märkten noch nicht bezahlt. Bis dahin muss die Wettbewerbsfähigkeit der energieintensiven Industrie in Europa gesichert werden“, verdeutlicht Volker Backs, Geschäftsführer der Hydro Aluminium Deutschland GmbH in Grevenbroich. „Wir müssen uns gegen Regionen behaupten, für die der Klimaschutz keine so wichtige Rolle spielt. Aluminium und Stahl werden auch in Zukunft produziert werden, und es ist wichtig, dass dies auch in Europa so bleibt.“ Energieregulierungen sollten die technisch mögliche Umsetzungsgeschwindigkeit reflektieren, und auch Versorgungssicherheit und Bezahlbarkeit neben dem Klimaschutz adressieren.

Dr. Herbert Eichelkraut teilte diese Skepsis. „Der Green Deal bedeutet für uns eine vollständige Umstellung unserer Stahlproduktion“, erklärte der Geschäftsführer der Hüttenwerke Krupp-Mannesmann GmbH in Duisburg. „Wir werden enorme Mengen Wasserstoff benötigen.“ Die Industrie benötige dringend eine entsprechende Infrastruktur, Netze und Pipelines für die neue Zukunftstechnologie Wasserstoff.

Wesentliche Komponenten der Wasserstofftechnologie – Elektrolyseure und Kompressoren – produziert die NEUMAN UND ESSER GROUP in Übach-Palenberg. Geschäftsführerin Stefanie Peters plädierte ebenfalls dafür, rasch die notwendige Infrastruktur aufzubauen: „Wir brauchen schnellere Planungsverfahren und Anreizsysteme, damit wir endlich in die Umsetzung kommen.“ Wasserstoff müsse in der Praxis erzeugt und genutzt werden, „in den Fabriken, nicht in den Reallaboren“. „Die deutschen Unternehmen haben die Chance, die dafür erforderlichen Anlagen und Komponenten in die ganze Welt zu exportieren“, betont Peters.

Jörg Heynkes, Geschäftsführer der Entrance Robotics GmbH in Wuppertal, appellierte an alle Beteiligten, vom „Reden und Denken ins Handeln zu kommen“. Es gehe darum, die Wertschöpfung in Europa und Deutschland zu halten. „Wir haben die besten Voraussetzungen, den Green Deal zum Erfolg zu machen – wenn wir die beiden Mega-Trends Digitalisierung und Klimaschutz nutzen.“

Wie die Digitalisierung dazu beitragen kann, Kraftwerke und Stromnetze intelligent zu nutzen, erläuterte Hendrik Sämisch, Gründer der Next Kraftwerke GmbH in Köln. „Die Voraussetzung für den Green Deal ist ein neues Strommarktdesign. Wenn uns das gelingt, können wir die nächsten 30 Prozent Erneuerbaren Energien in den Markt bringen.“ Das sei ein wesentlicher Schritt auf dem Weg zur Klimaneutralität.