IHK-Konjunkturbericht

IHK-Konjunkturbericht
© Tino Neitz/Adobe Stock

Stand: 31.10.2022

Die wirtschaftliche Situation in der Region Düsseldorf und Mittlerer Niederrhein ist im Herbst 2022 äußerst fragil: Die Betriebe rechnen wegen der Energiekrise, die durch den völkerrechtswidrigen Angriffskrieg Russlands auf die Ukraine ausgelöst wurde, mehrheitlich mit einer Rezession. Zudem sind die wirtschaftlichen Corona-Auswirkungen noch nicht vollständig überwunden, und die internationalen Lieferketten sind immer noch nicht vollständig wiederhergestellt. Die Geschäftserwartungen sind daher dramatisch eingebrochen. Nur 11 Prozent der Betriebe hoffen darauf, dass sich ihre Geschäfte im Jahr 2023 verbessern. 51 Prozent gehen von einer Verschlechterung aus.

„Trotz der enormen Herausforderungen zeigt sich die regionale Wirtschaft bis in den Herbst 2022 hinein robust“, beschreibt Jürgen Steinmetz, Hauptgeschäftsführer der IHK Mittlerer Niederrhein, die Diskrepanz zwischen der insgesamt noch zufriedenstellenden Konjunkturlage und den pessimistischen Perspektiven. Derzeit überwiegt der Anteil der Betriebe mit guter Geschäftslage (28 Prozent), gegenüber den Unternehme in bereits schlechter Lage (21 Prozent).

Das ist das Ergebnis der gemeinsam von den IHKs Düsseldorf und Mittlerer Niederrhein durchgeführten Konjunkturumfrage, an der sich zwischen Ende September und Mitte Oktober knapp 850 Betriebe mit insgesamt rund 80.000 Beschäftigten beteiligt haben. „Es konnten viele Industriebetriebe von einem großen Auftragspolster zehren, das eine bereits nachlassende Nachfrage vor allem inländischer Kunden zu großen Teilen kompensiert hat“, hebt Gregor Berghausen, Hauptgeschäftsführer der IHK Düsseldorf, die Entwicklung seit dem letzten Frühjahr hervor. Zudem ist der Arbeitsmarkt stabil, und einige Branchen wie das Gastgewerbe konnten sich über den Sommer teilweise von Corona-Folgen erholen.

Dennoch befürchtet die große Mehrheit der Betriebe, dass in Kürze eine Rezession eintritt. Die Liste negativer Einflüsse ist lang, angefangen bei hohen Energiepreisen, mit denen inzwischen zweistellige Inflationsraten einhergehen, bis hin zum Mangel an Fachkräften. Notgedrungen beginnen die Verbraucherinnen und Verbraucher, sich einzuschränken. So kommt ein Großteil der Betriebe von zwei Seiten unter Druck: Zum einen steigen ihre Einkaufspreise und eigenen Energiekosten. Zum anderen droht ihnen die Nachfrage wegzubrechen, wenn sie diese Belastungen an ihre Kundschaft weitergeben wollen. „Entsprechend haben dies bislang nur zwei Drittel aller Betriebe getan. Die Übrigen können oder wollen dies nicht“, erklärt Berghausen.

Die meist energieintensiveren Betriebe aus den Vorleistungsgüterindustrien wie Chemie oder Metallerzeugung und -verarbeitung merken diese Belastungen schon sehr deutlich, während viele weitere Produzenten von Investitionsgütern auch wegen ihrer Auslandsgeschäfte insgesamt noch wenig Nachfragerückgang verspüren. Glücklicherweise hat diese Entwicklung noch nicht verbreitet zu Verlagerungstendenzen geführt. Bislang geben diese Überlegung nur 4 Prozent aller Betriebe an, in der Industrie sind es 6 Prozent.

„Unsicherheit und Rezessionsaussichten sind kein guter Nährboden für Investitionen“, stellt Berghausen klar. Entsprechend zurückhaltend kalkulieren die Betriebe. Im Ergebnis öffnet sich die ohnehin noch nicht geschlossene Investitionslücke aus den ersten Coronajahren weiter. Angesicht der weiteren großen Zukunftsaufgaben für Nachhaltigkeit und mehr Klimaschutz sowie mit Blick auf die demografischen Entwicklungen und den anhaltenden Fachkräftemangel stehen die Akteure vor großen Herausforderungen. „Für die anstehenden Transformationsprozesse müssen politisch jetzt die richtigen Weichen gestellt werden“, so Berghausen weiter.

Auch Branchen, die in den vergangenen Jahren positive Zahlen gemeldet haben, können sich der Rezession nicht entziehen. „Steigende Zinsen, anhaltende Material- und Arbeitskräfteengpässe, sinkende Absatzperspektiven in den meisten Branchen und sich leerende öffentliche Kassen haben dem Bauboom bereits ein Ende gesetzt“, erklärt Steinmetz. Auch die meist nicht besonders energieintensiven Dienstleister haben pessimistische Erwartungen. Sie fallen als sonst üblicher Konjunkturstabilisator aus. „Für das kommende Jahr befürchten insbesondere Gastronomen und Verkehrsdienstleister einen starken Rückgang der Geschäftslage.“

Einzelhandel und Gastgewerbe stehen wieder vor schweren Zeiten. „Die Inflation schränkt die Konsummöglichkeiten der Verbraucher drastisch ein“, sagt Steinmetz. Und auch in der Industrie dürften sich die negativen Entwicklungen von der Vorleistungsgüterindustrie auch auf die anderen Sparten ausweiten.

„Europa-, Bundes- und Landespolitik sind deshalb gefordert, ihre Anstrengungen zur Bewältigung der Energiekrise weiter zu verstärken“, ist Steinmetz überzeugt. „Über alle Notwendigkeit der Unterstützung der privaten Verbraucher darf die Wirtschaft nicht vergessen werden. Sie muss in der Lage bleiben, auch künftig genügend Wertschöpfung in der Region zu erwirtschaften, sichere Arbeitsplätze zu bieten und so die Basis für tragfähige öffentliche Haushalte zu schaffen.“

„Länge und Tiefe der befürchteten Rezession sind keineswegs absehbar“, so Steinmetz. Er spricht sich für weitere schnelle Hilfsmaßnahmen aus. Dabei kommt es weniger auf das Volumen der Hilfspakete an. Denn die Rezession wird umso milder, je besser es gelingt, den Energieverbrauch zu reduzieren, die russischen Energieimporte zu kompensieren und die Inflation einzudämmen. Für die konjunkturelle Lage ist es aus Sicht der IHKs wichtig, dass in den anstehenden Tarifverhandlungen Augenmaß gehalten wird. So werden die Arbeitskosten als wesentliches Konjunkturrisiko eingeschätzt. Steinmetz: „Doch erst wenn die Hindernisse in der Weltwirtschaft sich wieder zurückbilden und der Zinsanstieg wieder moderat verläuft, sind Rahmenbedingungen für ein günstiges Konjunkturklima gegeben.“