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Zeitarbeit am Mittleren Niederrhein

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Gregor Werkle
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Intention

Die Industrie- und Handelskammer Mittlerer Niederrhein hat im Juni 2014 die Studie "Zeitarbeit am Mittleren Niederrhein" veröffentlicht. Die Zeitarbeit sorgt seit einigen Jahren für arbeitsmarktpolitische Diskussionen. Eingeführt wurde dieses Instrument, um die Flexibilität auf dem Arbeitsmarkt für die Unternehmen zu vergrößern. Kritiker der Zeitarbeit dagegen behaupten, dass die Unternehmen in Zeitarbeitnehmern billige Arbeitskräfte sehen. Die Industrie- und Handelskammer Mittlerer Niederrhein möchte mit dieser Studie die Debatte versachlichen.

Studiendesign

Für die Studie wurden Daten der amtlichen Statistik verwendet. Zudem wurde eine Unternehmensumfrage durchgeführt. An dieser beteiligten sich 40 Zeitarbeitsunternehmen sowie 200 Unternehmen, die Zeitarbeit nutzen.

Bedeutungsgewinn

In der Zeitarbeitsbranche arbeiten am Mittleren Niederrhein gut 9.800 Beschäftigte. Dies stellt einen Anteil von 2,6 Prozent an der Gesamtbeschäftigung dar. Seit 2007 ist die Bedeutung der Branche deutlich gewachsen. Die Anzahl der Beschäftigten stieg am Mittleren Niederrhein von 2007 bis 2013 um 14 Prozent. Sowohl in der Region als auch im Land und im Bund ist das Wachstum in der Zeitarbeitsbranche stärker als das Wachstum der Gesamtbeschäftigung.

Keine Reduzierung v. Stammbelegschaften

Diese Daten liefern ein Indiz dafür, dass durch Zeitarbeit per Saldo weder Stammbeschäftigung verdrängt wird noch der Beschäftigungsaufbau der vergangenen Jahre nur auf ein Plus von Beschäftigungsverhältnissen in der Arbeitnehmerüberlassung zurückzuführen ist. Auch ohne das Wachstum in der Zeitarbeitsbranche ist der Beschäftigungsanstieg in der Gesamtwirtschaft weiter von substanzieller Natur: Am Mittleren Niederrhein wurden von 2007 bis 2013 per Saldo 19.700 neue Arbeitsplätze geschaffen.

Zeitarbeit wird volkswirtschaftlicher Funktion gerecht

Die Entwicklung belegt die starke Konjunkturreagibilität der Arbeitneh-merüberlassung. Im Krisenjahr 2009 wurden in der Zeitarbeitsbranche Arbeitsverhältnisse abgebaut, während insbesondere in der beginnenden Aufschwungsphase nach der Wirtschaftskrise im Jahr 2010 das Wachstum überdurchschnittlich stark war. Gerade in Zeiten eines beginnenden Aufschwungs bietet die Zeitarbeit den Unternehmen die notwendige Flexibilität, um auf einen kurzfristigen Anstieg bei den Auftragseingängen zeitnahe reagieren zu können. Zeitarbeitnehmer werden vor allem aus Gründen der Flexibilität in Zeiten von Produktionsspitzen und auch als Ersatz für krankheitsbedingte Ausfälle genutzt. Dies gilt sowohl für Fach- wie auch für Hilfsarbeiter. Jeweils mehr als 70 Prozent der Betriebe geben die oben genannten Motive als hauptsächliche Begründung für den Bezug von Zeitarbeitnehmern an.

Wichtige Funktion der Zeitarbeit

Zusammengefasst 69 Prozent der Zeitarbeitnehmer am Mittleren Niederrhein waren vor ihrer Beschäftigung arbeitslos oder noch gar nicht beschäftigt (davon 8,2 Prozent Langzeitarbeitslose). Dieses Ergebnis zeigt, dass Zeitarbeit eine Funktion als Eingangs- bzw. Wiedereintrittstür in den ersten Arbeitsmarkt erfüllt. Dagegen war lediglich knapp jeder fünfte Zeitarbeitnehmer vor seiner Anstellung in der Arbeitnehmerüberlassung als Erwerbstätiger oder sozialversicherungspflichtig Beschäftigter außerhalb dieser Branche beschäftigt. Dies ist ein weiterer Beleg dafür, dass Zeitarbeit keineswegs Stammbeschäftigung ersetzt.

Sprungbrett für Niedrigqualifizierte

Die Funktion der Zeitarbeit als Eintrittstür in den ersten Arbeitsmarkt wird ebenfalls durch die Umfrageergebnisse gestützt. Die Zeitarbeitsunternehmen wurden auch nach der Qualifikationsstruktur ihrer Belegschaft befragt. 45 Prozent der eingesetzten Zeitarbeitnehmer haben keine ab-geschlossene Berufsausbildung. Arbeitnehmerüberlassung ist also ein Instrument, durch das Niedrigqualifizierte (wieder) in den ersten Arbeitsmarkt gelangen können.

Klebeeffekt kein Selbstläufer

Für 41 Prozent der Betriebe die Überprüfung der Leistungsfähigkeit potenzieller neuer Mitarbeiter eines der Hauptmotive für die Nutzung von Zeitarbeit ist. Dies wird als „Klebeeffekt“ bezeichnet. Allerdings ist dies kein Selbstläufer: So gab gut die Hälfte der Unternehmen an, dass sie nie oder nur sehr selten (weniger als 5 Prozent) die im Unternehmen auf Zeit eingesetzten Hilfsarbeiter mit einer Festanstellung ausstatten. Zumindest 18 Prozent der Betriebe bieten mindestens jedem vierten Hilfsarbeiter die Möglichkeit einer Festanstellung an. Im Bereich der Fachkräfte mit Berufsausbildung ist die Wahrscheinlichkeit höher, im Anschluss an den Einsatz als Zeitarbeiter einen Festvertrag zu erhalten. So bieten 30 Prozent der Betriebe mindestens jeder vierten Fachkraft die Möglichkeit einer Festanstellung.

Industrie und Logistikbranche sind wichtige Kunden der Zeitarbeitsbranche

Zeitarbeitnehmer am Mittleren Niederrhein üben in einem überdurchschnittlich starken Ausmaß Logistikberufe aus. Jeder dritte Zeitarbeitnehmer ist nach einer Statistik der Bundesagentur für Arbeit diesem Tätigkeitsfeld zuzuordnen, auf Ebene des Bundesgebiets sowie auf Landesebene sind die Anteile wesentlich geringer (19 bzw. 20 Prozent). Etwas weniger als ein Drittel der Zeitarbeiter am Mittleren Niederrhein werden für Tätigkeiten der Fertigung eingesetzt. Die Ergebnisse korres-pondieren auch mit der Unternehmensbefragung. So ist die Bedeutung von Industrieunternehmen für die Zeitarbeitsunternehmen in der Region sehr hoch. Immerhin jedes zweite Zeitarbeitsunternehmen zählt Betriebe aus dem Bereich „Verkehr und Logistik“ zu seinen wichtigsten Kunden. Da es sich gerade bei diesen Branchen um konjunkturreagible Wirtschaftszweige handelt, stützt auch dieses Ergebnis die These, dass Zeitarbeit insbesondere zur Flexibilisierung genutzt wird.

Großteil der Zeitarbeitnehmer wird maximal ein Jahr eingesetzt

In der öffentlichen Diskussion steht die Zeitarbeit häufig wegen angeblich langer Einsatzzeiten der Arbeitnehmer bei nur einem Betrieb in der Diskussion. Die Umfrage zeigt jedoch Gegenteiliges. Ein Großteil der Zeitarbeitnehmer wird tatsächlich maximal ein Jahr eingesetzt, in der Regel sogar nur ein halbes Jahr. So geben jeweils ein Drittel der Zeitarbeit nutzenden Betriebe an, dass die durchschnittliche Einsatzzeit bei weniger als drei Monaten bzw. bei drei bis sechs Monaten liegt. Knapp jeder fünfte Betrieb nennt eine durchschnittliche Betriebszugehörigkeit von sieben bis 12 Monaten.

Für niedrig qualifizierte Beschäftigte könnte eine Erhöhung des Mindestlohns schädigende Wirkung entfalten

Nur 4 Prozent der antwortenden Zeitarbeitsunternehmen erwarten starke Umsatzeinbußen durch die erfolgte Erhöhung des Mindestlohns zum 1. Januar 2014, immerhin 22 Prozent der Verleihbetriebe befürchten zumindest geringe Umsatzeinbußen. Betriebe, die von einer Verschlechterung ihrer Umsätze ausgehen, beschäftigen zu einem überdurchschnittlich hohen Anteil Zeitarbeitnehmer ohne Berufsausbildung. Für niedrig qualifizierte Beschäftigte könnte eine Erhöhung des Mindestlohns also eine schädigende Wirkung entfalten. Das Ergebnis korrespondiert auch mit der Befragung der Kunden. 24 Prozent der Unternehmen planen aufgrund der Verteuerung Zeitarbeit einzuschränken. Ein Großteil der Unternehmen (73 Prozent) wird seine Zeitarbeitsverhältnisse wegen der Erhöhung des Mindestlohns im Jahr 2014 nicht einschränken.

Equal Pay ab ersten Verleihtag führt zu drastischen Reduzierungen von Zeitarbeitsverhältnissen

In der politischen Diskussion wird häufig die Forderung nach einem Equal-Pay-Gebot laut, also der gleichen Entlohnung für Zeit- und Stammarbeitskräfte, die eine gleichartige Tätigkeit verrichten. Bei einer solchen Maßnahme ist es insbesondere relevant, ab welchem Verleihmonat diese Beschränkung gelten würde. Knapp die Hälfte der Befragten würden Zeitarbeit auch im Falle von Equal Pay nicht reduzieren. Dies heißt jedoch auch im Umkehrschluss, dass eine Umsetzung von Equal Pay ab dem ersten Verleihtag Zeitarbeit drastisch reduzieren würde. 53 Prozent der Betriebe würden in diesem Fall Zeitarbeit abbauen.