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Energiewende-Barometer 2015: Anpassung statt Aufbruch

Energiewende-Barometer 2015: Anpassung statt Aufbruch
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Jürgen Zander
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Die Energiewende ist für unsere Gesellschaft wie auch unsere Wirtschaft existenziell. Doch wie gut gelingt die Umsetzung? Um dieser Frage gezielt nachzugehen, hat der Deutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHK) ein jährlich stattfindendes Monitoring eingeführt. Die Ergebnisse für 2015 liegen jetzt vor.

Die Ausgangslage

Die Energiewende in Deutschland besteht aus verschiedenen Maßnahmen und soll eine Vielzahl von Zielen erreichen. So soll sie Sorge tragen für:

  • die Reduktion klimaschädlicher Treibhausgase,
  • eine Reduktion der Abhängigkeit von Öl- und Gasimporten,
  • Innovationen ermöglichen,
  • globales Vorbild sein für eine ökonomisch erfolgreiche, nachhaltige Energiepolitik,
  • den Ausstieg aus der Atomenergie ermöglichen.

Gleichzeitig soll die Energieerzeugung umweltfreundlicher werden sowie sicher und bezahlbar bleiben.

Kontinuierliche Umsetzungsbewertung

Doch inwieweit stimmen Anspruch und Wirklichkeit der Energiewende überein? Um das herauszufinden und in einem weiteren Schritt Vorschläge für eventuelle Nachbesserungen liefern zu können, befragt der Deutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHK) einmal jährlich Unternehmen und IHK-Experten nach ihren Einschätzungen zu den Fortschritten und möglichen Defiziten. Die Ergebnisse werden anschließend im so genannten Energiewende-Barometer zusammengefasst.

Fazit 2015: Anpassung statt Aufbruch

1. Das Wichtigste in Kürze

I. Unternehmen stellen sich der Energiewende

  • Die Unternehmen bewerten die Auswirkungen der Energiewende auf die eigene Wettbewerbsfähigkeit im Jahr 2015 mit -3,4 und damit deutlich weniger kritisch als in den Vorjahren (-12,5 in 2012, -10,7 in 2013, -12,8 in 2014). Zu dieser Entwicklung hat die Atempause beim Anstieg der Strompreise beigetragen. Aufbruchstimmung kann die Energiewende angesichts bereits wieder absehbarer Preissteigerungen und möglicher Risiken bei der Versorgungssicherheit aber nicht verbreiten.
  • Der Anteil der Unternehmen, die eine negative (19 Prozent) oder sehr negative Bewertung (5 Prozent) vornehmen, ist deutlich zurückgegangen. 2014 wirkte sich die Energiewende noch bei 34 Prozent der Unternehmen negativ oder sehr negativ aus. Der Anteil der Unternehmen, für die sich die Energiewende positiv auf die Wettbewerbsfähigkeit auswirkt, ist aber nicht im gleichen Maße gestiegen: In diesem Jahr waren es insgesamt 17 Prozent gegenüber 14 Prozent im Vorjahr.
  • Immer mehr Unternehmen bewerten die Energiewende neutral. Für sie bestehen kaum Auswirkungen auf die eigene Wettbewerbsfähigkeit. Viele haben im Rahmen ihrer Möglichkeiten auf die hohen Stromkosten mit Effizienzmaßnahmen, dem Aufbau einer eigenen Stromerzeugung oder der Weitergabe von Kosten an die Kunden reagiert.

II. Industrie: Die Skepsis bleibt

  • Zwar konnte auch die Industrie von dem positiven Trend profitieren, ihre Bewertung fällt mit einem Barometerwert von -20,6 aber weiter kritisch aus. Von Entwarnung keine Spur: Insgesamt 44 Prozent der Industriebetriebe bewerten die Energiewende negativ. Demgegenüber können - ähnlich wie in den Vorjahren - nur 13 Prozent von der Energiewende profitieren.
  • Der Handel nähert sich mit einem Barometerwert von -5,5 in einem großen Schritt einer neutralen Bewertung der Energiewende für das eigene Geschäft. 2014 lag der Wert noch bei -18. Sowohl die Bau- (+ 2,5) als auch die Dienstleistungsbranche (+5,5) haben in diesem Jahr zum ersten Mal ein positives Fazit aus der Energiewende gezogen. Hier kommt wohl vor allem die Hoffnung zum Ausdruck, dass die Preisrallye der letzten Jahre ein Ende hat.

III. Chancen und Risiken ungleich verteilt

  • Immer deutlicher zeigt sich, dass die Chancen und Risiken der Energiewende regional unterschiedlich verteilt sind. Während Unternehmen im Norden (+1,5) und Süden (+2,1) insgesamt inzwischen eine leicht positive Bewertung vornehmen, fällt die Bewertung im Osten (-9,8) und Westen (-8,4) trotz Verbesserungen gegenüber dem Vorjahr weiter negativ aus.
  • In allen Größenklassen zeigt sich der Trend hin zu einer weniger kritischen Bewertung. Gleichzeitig zeigt sich, dass es größeren Unternehmen besser gelingt, die Chancen der Energiewende über die Erschließung neuer Geschäftsfelder oder neuer Absatzmärkte zu nutzen. Gegen den allgemeinen Trend stieg bei Betrieben mit 500 bis 999 Mitarbeitern der Anteil der Unternehmen, die Projekte zur Erschließung neuer Geschäftsfelder durchgeführt haben, von 11 auf 17 Prozent.

IV. Energiepreise: Endkunden profitieren nur teilweise von Preisrückgängen

  • Einhergehend mit den sinkenden Einfuhrpreisen für Öl und Erdgas konnten mehr Unternehmen von Rückgängen bei ihren Energiepreisen profitieren (31 Prozent) als von Preiserhöhungen betroffen waren (22 Prozent). Bei den Strompreisen hingegen melden die Unternehmen trotz der leicht gesunkenen EEG-Umlage weiter mehr Erhöhungen (28 Prozent) als Senkungen (17 Prozent). Die Energiekosten haben sich damit zwar auf hohem Niveau stabilisiert, im europäischen und internationalen Vergleich bleibt die Kostenbelastung aber hoch.
  • Der Trend, Lieferverträge zu prüfen und anzupassen, hat sich abgeschwächt. 9 Prozent der Unternehmen planen einen Lieferantenwechsel gegenüber 12 Prozent im Vorjahr. Die Weitergabe steigender Energiekosten ist für weniger Unternehmen erforderlich. Der Anteil der Unternehmen, die keine Maßnahmen zur Kostenweitergabe vorsehen, ist von 54 auf 62 Prozent gestiegen.

V. Versorgungssicherheit bereitet jedem fünften Unternehmen weiter Probleme

  • Die Versorgungsqualität bleibt bei Strom und Gas im internationalen Vergleich auf hohem Niveau. Trotzdem: Wie im Vorjahr hatte rund ein Fünftel der Unternehmen zumindest einmal in den vorausgegangenen zwölf Monaten Probleme mit der Versorgung. Erneut liegen die Werte für Süddeutschland über dem Durchschnitt (23 Prozent).
  • Innerhalb der einzelnen Wirtschaftssektoren bleibt die Industrie am stärksten von Versorgungsunterbrechungen betroffen (30 Prozent). Häufiger als in anderen Sektoren wirken sich Unterbrechungen in der Industrie zudem auf die Geschäftstätigkeit aus: 19 Prozent erlitten Produktionsbeeinträchtigungen (21 Prozent in 2014).

VI. Unternehmen nutzen Einsparpotenziale

  • Die Wirtschaft reagiert auf die Energiewende und sieht die Energieversorgung immer mehr als Managementaufgabe: Viele Betriebe haben bereits Maßnahmen verwirklicht oder befinden sich in der Umsetzung oder Planung von Maßnahmen zur Steigerung der Energieeffizienz (77 Prozent), zur Optimierung der eigenen Beschaffungsstrategie (50Prozent), zur Absicherung gegen Versorgungsunterbrechungen (43 Prozent), zum Bezug erneuerbarer Energien (39 Prozent) sowie zum Aufbau einer (teilweisen) Eigenversorgung (37 Prozent).
  • In den vergangenen Jahren hat sich der Anteil an Unternehmen, die solche Maßnahmen bereits umgesetzt haben, kontinuierlich erhöht. Im Fall der Energieeffizienzmaßnahmen seit 2012 sogar verdoppelt. Gleichzeitig sinkt der Anteil derjenigen, die für die kommenden fünf Jahre ein Einsparpotenzial von mehr als fünf Prozent des Energieverbrauchs in ihrem Unternehmen sehen (27 Prozent).

VII. Weiter hoher Handlungsbedarf, Netzausbau vorantreiben

  • Insgesamt bewertet die deutsche Wirtschaft die Energiewende weniger negativ als in der Vergangenheit. Die Atempause beim Anstieg der Strompreise, das reformierte EEG und die Erklärungen der Politik zur künftigen Ausgestaltung der Energiewende näher am Markt haben dazu beigetragen. Die Unsicherheit hinsichtlich der mittelfristigen Gewährung der Versorgungssicherheit und wettbewerbsfähiger Preise bleibt aber bestehen.
  • Unter den Forderungen der Unternehmen zur Energiewende steht der Netzausbau mit 75 Prozent der Nennungen klar an erster Stelle der Prioritäten, gefolgt von einer besseren Koordination der Energiewende (62 Prozent) und der Senkung von Strompreisabgaben (61 Prozent).
  • Mit 43 Prozent in diesem Jahr gegenüber 36 Prozent im vergangenen Jahr sprechen sich vor dem Hintergrund der sich abzeichnenden Rahmenbedingungen wieder deutlich mehr Unternehmen dafür aus, den Ausbau der erneuerbaren Energien voranzutreiben.